Memento mori

Alex ist mein Ein und Alles. Also gebe ich mein Bestes, um das, was ich sage, so zu formulieren, dass es für niemanden verletzend ist. Denn Alex achtet sehr auf solche Dinge, und ich darf Alex nicht verlieren. Ja, ich merke selbst, wie das klingt, und vor ein paar Monaten wäre es mir noch ziemlich peinlich gewesen, mich so reden zu hören. Aber seit ich Alex kennengelernt habe, sind mir viele Dinge ziemlich egal geworden.

Natalie, Sabrina und saßen in Sabrinas Mini Cooper. Draußen waren es fünfunddreißig Grad, im Auto fünfundvierzig. Wir kamen gerade aus dem Proseminar „Urbane Räume des 20. und 21. Jahrhunderts“.

Es war unsere letzte Veranstaltung vor den Semesterferien gewesen. Natalie und Sabrina hatten ihre Hausarbeit gerade abgegeben und wollten feiern gehen. Semesterabschluss in der Papierfabrik. Ich hatte noch nie eine Hausarbeit geschrieben. Seit Wochen zermarterte ich mir jeden Tag stundenlang das Hirn, tippte und löschte stundenlang die selben zwei Sätze auf der ersten Seite meiner Hausarbeit und wollte dabei am liebsten gar nicht auf den Bildschirm schauen. Wenn ich mich morgens durch mein hochgestochenes, inhaltsloses Geschwurbel vom Vortag kämpfte, rollte es mir jedes Mal die Fußnägel hoch.

„Das ist doch normal“, wollten Natalie und Sabrina mir erklären, „mach dir doch nicht so viele Gedanken.“

Als ob ich mir die machte, mit Absicht oder aus Spaß. Sie kamen einfach, und gingen nicht mehr weg. Ich hätte den beiden an die Gurgel gehen können, wenn sie mit ihrem Kummerkastengerede von Ersti-Schocks und Reizüberflutung anfingen. Auf die Idee, mir konkret zu helfen, kamen sie nämlich nicht. Sie dachten garantiert, dass ich nur eine Show abzog, und hatten Angst, ich könnte von ihnen abschreiben wollen.

Gestern hatten sie mich auch noch überredet, heute mit in die Papierfabrik zu gehen. Ich wollte die Autofahrt nutzen, um mir eine Ausrede auszudenken, die ich in letzter Minute vorbringen konnte. Deswegen störte es mich nicht besonders, dass wir seit fünfzehn Minuten nur noch Stop and Go fuhren. Was mich nervte, war das penetrant fröhliche Gelächter, das Gequatsche, wer mit wem und wie oft, und die kurzen mitleidigen, aber verständnislosen Blicke von den beiden da vorne im Auto.

Darum war ich ein kleines bisschen schadenfroh, als, nachdem wir endlich an der Spitze der Autoschlange angekommen waren, ungefähr zehn rot gewandete Menschen vor uns ein Transparent mit dem Schriftzug „Rebel for Life“ auseinander falteten und mitten auf der Kreuzung stehen blieben.

 „Ihr Dolme! Ich muss noch duschen!“ rief Natalie.

Sabrina drückte auf die Hupe.

„Hupen gegen Kohle, Hupen gegen Kohle!“ kam es zurück.

Ich grinste.

„Das sind halt die urbanen Räume des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“

Dann sah ich Alex.

Alex schrie nicht mit den anderen mit, sondern stand stolz und aufrecht inmitten von hupenden AutofahrerInnen und feixenden PassantInnen hinter dem Transparent.

„Aufstand oder Aussterben!“, skandierten die DemonstrantInnen. „Aufstand oder Aussterben!“

Ich lehnte mich nach vorne.

Alex‘ Augen funkelten trotzig.

Schweiß prickelte in meinen Poren. Mir wurde angenehm kalt.

Aufstand!

Ich musste aus diesem Auto raus.

Sabrinas Mini-Cooper war ein Dreitürer, und ich saß hinten. Wie immer.

Wie kam ich aus diesem Auto raus?

„Ist das eigentlich ein Diesel?“, fragte ich.

Sabrina sah mehrmals betont langsam von den DemonstrantInnen zu mir und wieder zurück, immer mit einem verschwörerischen Seitenblick auf Natalie.

„Wieso interessiert dich das denn auf einmal?“, fragte sie.

Auch Natalie musterte mich durch den Rückspiegel mit Ärzteblick.

Dann musste sie Alex entdeckt haben.

„Ah, ich verstehe. Jetzt ist es also Klimaschutz.“ Natalie malte beim Wort „Klimaschutz“ Anführungszeichen in die Luft und lachte.

Sie griff theatralisch nach einer Packung Tempo-Taschentücher auf dem Handschuhfach und warf sie zu mir auf die Rückbank.

„Wisch dir mal das Gesicht ab“, sagte sie. „Du sabberst.“ Sie blökte los.

„Also, ich habe gerade beschlossen, ich gehe heute Abend nicht mit“, sagte ich. „Ich habe Wichtigeres zu tun.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ fragte Sabrina.

„Doch.“

„Nicht wirklich, ne?“ hakte Natalie nach.

„Doch.“

Als Natalie endlich ausgestiegen war und ich an Rucksäcken, Vordersitzlehne und verheddertem Sicherheitsgurt vorbei aus dem Auto geklettert war, packten die Menschen auf der Kreuzung gerade ihr Transparent zusammen. Diesmal war es Natalie, die schadenfroh grinste.

„Hey, super, dass du mitmachst!“ rief da eine Frau mit langen schwarzen Haaren, die es irgendwie schaffte, auch mit Fahrradhelm und rotem Flattergewand gut auszusehen. „Komm doch mit zum nächsten Kreisverkehr. Es ist gar nicht weit.“

Ich meinte, noch ein anzügliches, „oh, Kreis-Verkehr“, hinter mir zu hören, drehte mich aber nicht nochmal um.

„Schön, dass du auch dabei bist“, sagten auch die anderen.

„Ja, kein Problem.“ Ich grinste und sah dabei Alex von der Seite an. Ich hoffte, das Mädchen im Fahrradhelm fand das nicht allzu unhöflich.

Alex sagte immer noch nichts. Schweigend liefen wir nebeneinander her.

Gerade, als ich mich fragen wollte, in was zur Hölle ich mich schon wieder reinmanövriert hatte, blieben die anderen stehen. Die Auto-Ampel schaltete auf rot. Alex hakte sich bei mir ein und zog mich auf die Straße, drückte mir das eine Ende des Transparents in die Hand und lief rückwärts.

Ich stand verplant herum, bis sich alle zehn Rotgewandeten hinter dem Transparent aufgestellt hatten. Dann ließ ich meinen Zipfel des Banners los, lief auf und ab, als würde ich keinen guten Platz mehr finden, und stellte mich schließlich neben Alex.

Ich schwöre, selbst durch Straßenstaub und Abgase konnte ich Alex riechen. Ein schwerer, warmer Duft von jemandem, der es auch mal aushielt, ein, zwei Tage nicht zu duschen. Ein Hauch von Zimt. Und natürlich die in gewissen Kreisen obligatorischen Räucherstäbchen, die ich eigentlich nicht mochte. Aber wie gesagt, mir ist vieles egal geworden, und in diesem Moment fing es an.

Als die DemonstrantInnen zur nächsten Kreuzung weiterzogen, hakte sich Alex bei mir ein und lächelte mich an, ganz leicht nur, von der Seite, von unten herauf. Ich war trotzdem so perplex, dass ich mich nicht traute, zurückzulächeln. Aber ich wusste, das war nicht schlimm.

Einige Tage später stornierte ich meinen Tunesien-Urlaub, den ich zusammen mit Sabrina und Natalie vor Monaten gebucht hatte. Allein auf dem Flug von Berlin nach Tunis und zurück hätte ich 1,5 Tonnen CO2 ausgestoßen. Sabrina und Natalie tauschten erneut bedeutungsvolle Blicke.

„Hängst du jetzt auch dein ‚The future is female‘-Plakat ab und stattdessen das Heilige Transpi in dein Zimmer?“, fragte Sabrina. Alex hatte mir nach der Demo das ‚Rebel for Life‘-Transparent mitgegeben. Es war schließlich besser, wenn die Mobi-Materialien nicht alle an einem Ort gehortet wurden, sondern möglichst viele verschiedene Leute Zugang zu ihnen hatten.

„Kann ich dann das Plakat haben?“, fragte Natalie.

„Warum sollte ich mein Plakat abhängen?“, fragte ich.

„Weil du jetzt mit Alex zusammen bist, und ganz offensichtlich gerade Wichtigeres zu tun hast, als dich um die Dekonstruktion von frauenfeindlichen Geschlechternormen zu kümmern.“

„Aber woher willst du denn das wissen? Alex ist doch auch…“

„Alex ist ein Mann!“, unterbrach mich Sabrina. Natalie und sie warfen sich wieder diese überheblichen Blicke zu.

„Aber so einfach ist das doch alles nicht“, widersprach ich. „Nur, weil Alex teilweise unseren Vorstellungen von Maskulinität entspricht, heißt das doch noch lange nicht…“

„Doch, heißt es! Alex verkörpert männliche Geschlechterstereotype. Das sind alles Verhaltensweisen, durch die Frauen implizit abgewertet werden. Solange du mit Alex zusammen bist, tolerierst du diese Abwertung und hast damit teil an deiner eigenen Unterwerfung.“ Sabrina drückte ihren Zigarette auf dem Marmeladenglasdeckel aus. Das dazugehörige Marmeladenglas war noch mehr als halb voll – mit Marmelade.

„Alsi, krieg ich jetzt dein Plakat?“, fragte Natalie süßlich in die entstandene Stille hinein.

„Nein! Und vielleicht gibt es gerade wirklich Dringenderes, als solche dumme Gender-Scheiße. Ich liebe Alex. Als Mensch, nicht als Mann. Und wenn die Menschheit nicht mal bald ihren Arsch hoch kriegt, brauchen wir eh nicht mehr darüber zu diskutieren, ob die Zukunft männlich oder weiblich ist. Weil wir dann nämlich gar keine Zukunft mehr haben.“

„Ja, bla bla. Es ist immer alles wichtiger, als sich für die eigenen Belange einzusetzen. Typisch Frau.“

Ich fuhr mit Alex wildcampen an einem See in Brandenburg.

„Wir sind die letzte Generation in Europa, die durch die Klimakrise noch nicht existentiell bedroht wird“, sagte Alex, als wir aneinandergekuschelt vor unserem Zelt saßen. Ohne Feuer, wegen der Waldbrandgefahr. „Wenn wir Glück haben, bleiben uns noch dreißig gute Jahre.“

„Dann sind bin ich sechsundfünfzig, und du sechzig“, rechnete ich nach. Ich bekam Magendrücken. Gerade, wenn wir anfingen, alt und krank zu werden, würde die Hölle über uns hereinbrechen. Und so, wie es aussah, würden wir niemals genug verdienen, um im Alter nicht auf die Hilfe durch den Staat angewiesen zu sein. Wir würden abhängig sein von genau der Art von Menschen, die uns diese Scheiße hier eingebrockt hatten und sich nun weigerten, den Schaden wenigstens zu begrenzen.

Wenn es dann überhaupt noch einen Staat geben würde.

Ich sah Alex und mich, halb blind und gebrechlich, in staubtrockener Hitze durch verwüstete Straßen irren, auf der Suche nach Trinkwasser und einem winzigen Schattenstreifen, während uns grölende Männerhorden von links und rechts mit Glasflaschen und anderem Müll bewarfen. Und Alex. Oh Gott. Wenn sie merkten, was mit Alex los war. Ich schreckte auf.

„Alex“, flüsterte ich, „du musst mir versprechen, dass du mit diesem Gender-Quatsch aufhörst.“

Ich spürte, wie Alex in meiner Umarmung verkrampfte.

„Wieso redest du auf einmal so? Hast du die ganze Zeit schon so über mich gedacht? Dass ich nur ein bisschen Quatsch mache? Dass das für mich alles nur Spaß ist?“

Alex sprang auf und lief hinunter ans Ufer. Ich fühlte die Kälte an den Stellen meines Körpers, die bis gerade eben von seiner Haut bedeckt gewesen waren.

Ich weiß, ich sollte zu alt sein für solche übergroßen Gefühle. Aber ich bin nun mal verdammt zu lebenslänglicher Pubertät, und darum empfinde ich eben so.

Und warum sollte ich dann dem einzigen Menschen, der mich nicht trotz, sondern wegen dieser Gefühle liebt, der nicht blöd grinst und anderen hinter meinem Rücken Blicke zuwirft, wenn ich mal wieder ‚hysterisch‘ werde oder ‚launisch‘ bin –

warum sollte ich diesem Menschen den einzigen Wunsch verweigern, den er an mich hat? Warum sollte ich mir angesichts der kurzen Zeit, die mir auf dieser Erde noch bleibt, die einzige Chance verbauen, einen anderen Menschen von ganzem Herzen zu lieben?

Ich lief hinunter ans Ufer und schlang meine Arme um Alex.

„Ich wollte mich nicht lustig machen. Ich mache mir doch nur Sorgen!“, rief ich. „Du weißt doch, ich liebe dich genau so, wie du bist.“

Als ich Alex‘ Haut unter meinen Lippen spüre, weiß ich, ich bin genau an dem Ort auf dieser Welt, an dem ich sein will. Bis diese Welt untergeht.

„Du musst dir keine Sorgen machen“, sagt Alex leise. „Ich beschütze dich doch.“

„Ich weiß.“ Ich atme Alex‘ Duft ein und genieße den Schwindel, der in mir aufsteigt.

„Und woher weißt du das?“ Ich spüre Alex‘ Atem heiß und feucht an meinem Ohr. Alex zieht mich ganz fest an sich heran.

„Weil du mein Mann bist. Mein einziger, richtiger Mann.“

Einen Augenblick später spüre ich Alex‘ Zunge an meiner, und ich weiß, er oder sie oder es… ist egal.

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